Unbekannt. by Unbekannt

Unbekannt. by Unbekannt

Author:Unbekannt.
Language: deu
Format: epub


Unbekannt.

»Der Mönch ist ein Ketzer«, sagte er nach einer beklemmenden Weile des Schweigens. »Mein Gefühl hat mich noch selten getrogen, Euer Eminenz.« Mit verkniffenem Gesichtsausdruck ging er um das glimmende Kupferbecken und postierte sich neben den Sessel seines geistigen Mentors. »Die uns erteilten Weisungen waren mehr als eindeutig - entweder er widerruft ...«

Der Kardinal fuhr plötzlich auf, wie von der Tarantel gestochen. »Maßt Euch nicht auch noch an, mir einen Vortrag zu halten, Girolamo!« herrschte er den Legaten an. Schroff stieß er ihn beiseite und hastete mit wehender Robe der Tür entgegen. »Davon habe ich in der letzten Stunde weiß Gott mehr gehört, als mir lieb war.«

Martin, von Staupitz und Aleander blickten ihm mit starren Mienen nach.

Noch am selben Abend suchte Johannes von Staupitz Martin in dessen Quartier auf, um mit ihm gemeinsam über mögliche Folgen seiner Unterredung in der bischöflichen Residenz zu beraten.

Zu Martins grenzenlosem Staunen kam dabei nicht ein einziges Wort des Vorwurfs über die Lippen des älteren Mannes. Mit stummen Blicken beobachtete er, wie Martin seine wenigen Habseligkeiten zusammensuchte und in einem Bündel aus grauem Sackleinen verschnürte. »Also?« brach er nach einer Weile das Schweigen. »Was hast du mir zu sagen?«

Martin seufzte. Es lohnte nicht, vor dem Vikar den Gekränkten zu spielen, aber gerade deswegen mochte er sich nun eines ironischen Kommentars nicht enthalten. »Das kommt ganz darauf an, was Ihr hören wollt, Ehrwürdigkeit«, sagte er. »Ich war höflich, ich war sogar ehrerbietig ... Na schön, mein Temperament ist mit mir durchgegangen, aber wenigstens habe ich mich bemüht, nicht anmaßend zu sein. Auch wenn es mich geärgert hat, wie der Kardinal über bestimmte Lehrsätze hinweggegangen ist, als wären sie nicht einmal das Pergament wert, auf dem sie geschrieben stehen.« Er hielt kurz inne, um zu dem Fensterschlitz hinaufzublicken, hinter dem die Flamme eines Talglichts züngelte. »Wisst Ihr, Ehrwürdigkeit, der Kardinal und dieser Aleander beharren hartnäckig auf dem ius divinum, dem göttlichen Recht. Dabei regiert der Papst höchstens nach dem ius humanum, und dieses geht nicht auf Christi Anordnungen zurück. Nein, das menschliche Recht kann jederzeit abgeändert werden!«

Von Staupitz kniff gequält die Augen zusammen. Dann schritt er auf Martin zu und drückte ihn gegen das kalte Mauerwerk. »Mein Gott, das ist doch jetzt ohne jeden Belang«, rief er aufgewühlt. »Du hast den Kardinal vor den Kopf gestoßen, und sein Günstling, dieser Aleander, brennt geradezu darauf, eine Scharte auszuwetzen. Wenn du dich weigerst, deine Lehren zu widerrufen, werden sie dich noch heute nacht der Inquisition übergeben.«

Martin holte tief Luft. Dass die Anhörung für ihn alles andere als gut verlaufen war, lag auf der Hand. Bis zuletzt hatte er gehofft, Cajetan, der immerhin als großer Gelehrter galt, würde einlenken und sich von der Dringlichkeit seines Anliegens überzeugen lassen. Nun aber musste er sich endgültig eingestehen, dass die Römer kein Interesse daran hatten, eine Einigung auf theologischer Grundlage herbeizuführen. Weigerte er sich zu widerrufen, unterschrieb er demnach sein eigenes Todesurteil.

»Du wirst den Kardinal nicht noch einmal aufsuchen,« sagte der Generalvikar, eine Antwort vorwegnehmend. Als Martin den Kopf schüttelte, atmete er ein paarmal tief durch und befahl ihm, sich mit gesenktem Haupt vor ihn hinzuknien.



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